Mit dem Rennrad auf dem Radweg

Mit dem Rennrad auf dem Radweg

Nur wenn ein Radweg mit einem der bekannten blauen Schilder versehen ist, gilt für alle Radfahrer eine Benutzungspflicht, außer die Benutzung wäre zu gefährlich, z. B. bei Glätte, oder gar unmöglich, weil der Radweg von Autos, Lieferdiensten oder Mülltonnen zugestellt ist. Über die Erlebnisse eines Rennrad-Fahrers, der sich gesetzeskonform verhält.

Sonntags in einer Ausflugs-Gegend - es ist viel los. Ich bin mit ein paar Freunden unterwegs. Um die Lücke zwischen zwei kleineren, verkehrsarmen Straßen zu schließen, müssen wir ein paar Kilometer auf der Bundesstraße zurücklegen.

Kombinierter Weg für Fahrradfahrer und Fußgänger

Wir sehen uns um: Kein Radweg? Doch, da drüben auf der linken Seite, ein kombinierter Weg für Radler und Fußgänger, sieht breit aus, sieht gut aus, jedenfalls von Weitem. Wir warten eine Lücke in den endlos langen Schlangen von Autos und Motorrädern auf beiden Fahrbahnen ab. Nach gefühlten zwei Minuten können wir die Straße überqueren.

Der Radweg ist breit. Nur hier und dort ein paar Glasscherben. Wenn man gut hinsieht, kann man sie prima umfahren - muss dabei aber aufpassen, dass man nicht über die rückenmordenden Wurzelaufbrüche hoppelt oder in die kleinen tückischen Schlaglöcher fährt, die es alle paar Meter auf diesem Weg gibt oder auf die glatten Kanten runder Gullideckel, die aus dem Asphalt ragen, oder in die Ansammlungen von Hunde- und Pferdekot, die gerade bei Gruppenausfahrten zu unvergleichlichen Gemeinschaftserlebnissen führen können.

Unzumutbarer Radweg: Vom Auto aus nicht zu erkennen

Im Vorbeifahren vom Auto aus sieht man all das nicht. "Klasse Radweg!", denkt man so durch seine Windschutzscheibe hindurch. Aber die paar Radfahrer, die sich dieser Zumutung von "Radweg" entziehen, indem sie die Straße benutzen, die sieht man. Und das interne Standgericht, das des deutschen Autopfahrers zumal, kommt schnell zum Urteil, hält er selbst sich doch stets an alle Regeln. (Er fährt nie schneller als erlaubt, parkt nie auf Radwegen usw. - Ihr wisst schon.)

Und bei weitem nicht alle, aber auch nicht so ganz wenige Autofahrer fällen und vollstrecken ihr Urteil: Erschrecken durch Anhupen, Schneiden, Abdrängen und Schlimmeres werden als gerechte Strafe gesehen und sind an der Tagesordnung. Vieles davon ist, nebenbei bemerkt, eine Ordnungswidrigkeit bzw. je nach juristischer Bewertung eine Straftat, die teuer werden kann.

Schlechter Radweg: oft das kleinere Übel

Die meisten Rennradfahrer/innen benutzen durchaus vorhandene Radwege, auch wenn sie unzumutbar sind. Denn das ist aus ihrer Sicht das kleinere Übel gegenüber der Möglichkeit, die Straße mit derlei Autofahrern zu teilen.

Nur nimmt man die, die brav den Radweg benutzen, vom Auto aus oft gar nicht wahr, obwohl es die Mehrheit ist. Denn was sich auf dem Radweg abspielt, interessiert hinter der Windschutzscheibe herzlich wenig (weswegen es an Kreuzungen immer wieder zu brutalen Abbiege-Unfällen mit getöteten Radfahrern kommt, aber das ist ein anderes Thema).

Alle Audi-Fahrer drängeln auf der Autobahn? Nein, aber die anderen, unauffälligen bemerken wir gar nicht erst. (Nein, ich habe keinen Audi und will auch keinen.)

Nur zur Sicherheit: Rennradfahrer sind ganz normale Menschen

Der Rennradfahrer, der auf die oben beschriebene Art abgestraft und gefährdet wird, weil er den unzumutbaren Radweg nicht benutzt, ist nur selten wirklich ein dummer Junge, dem man zeigen muss, wo's langgeht. Vielleicht ist er ein Büromensch, der sich durchs Radfahren fit hält. Oder Handwerker. Oder (gar nicht so selten) Fernfahrer, der im Rennradfahren einen Ausgleich gefunden hat.

Oder sie ist Verkäuferin, die brav ihre Steuern zahlt. Oder Geschäftsführerin. Oder Ärztin. Ja, es gibt auch immer mehr Frauen, die Rennrad fahren. Oder er ist Anwalt. Oder Polizist (Vorsicht!). Ja, unter den Rennradfahrer/innen finden sich größtenteils gestandene Leute, die mitten im Berufsleben stehen und natürlich auch Schüler, Schülerinnen, Studierende, Ruheständler/innen.

Das wollte ich nur mal gesagt haben, damit klar ist, wer da möglicherweise gerade abgestraft und an Leib und Leben bedroht wird, weil er einen Radweg meidet, den er (oder sie) für unzumutbar oder gefährlich hält.

Bestens gewarnt - da kann ja auf dem Fahrrad nichts mehr passieren.

Aber ich komme völlig vom Thema ab (oder?). Zurück also zu unserer Sonntags-Gruppenausfahrt. Leider sehen wir schon nach ein paar hundert Metern Radweg das Gefahrenschild: "Radwegschäden" steht darauf. Wahrscheinlich glaubt die Behörde, die es aufgestellt hat, sie wäre fein 'raus, wenn wirklich einmal etwas Ernsthaftes passieren sollte. Aus unserer Sicht gibt sie damit vor allem zu sogar zu, dass der Radweg eine Zumutung oder gefährlich oder beides ist.

Ein paar hundert Meter später, hinter einer Kurve, eine Abzweigung zum Grünstreifen neben dem Radweg. Ein paar Leute auf Inlinern kommen herausgeschossen. Glücklicherweise rechnen wir mit dem Schlimmsten, sind also langsam und kommen gerade noch rechtzeitig zum Stehen.

"Warum so hektisch?", ruft uns einer der Inliner fröhlich lachend zu. Naja, ein "Entschuldigung" hätte uns jetzt auch nicht groß weiter geholfen ...

Motorradfahrer beim Kartenstudium bremsen Rennradfahrer auf Radweg

Jetzt haben wir den Radweg auf unseren Rennrädern kurzzeitig für uns. Aber dann: Links eine hohe Hecke, eine Links-Biegung und: Vollbremsung. Ein Rudel älterer Motorad-Fahrer hat sich zum Kartenstudium auf den Radweg zurückgezogen.

Schließlich will man ja den heiligen Autoverkehr nicht stören. Als Motorradfahrer ist man eh schon unbeliebt genug. Wir rollen maximal mit Schrittgeschwindigkeit an dem Motorrad-Trupp vorbei, ohne etwas zu sagen.

Bis auf den längs zur Fahrtrichtung eingebauten Gulli-Deckel mit den breiten Schlitzen gibt es jetzt nichts mehr zu meckern - sieht man einmal davon ab, dass die Breite des Weges, der ja in beiden Richtungen von Fußgängern und Radfahrern gemeinsam benutzt werden soll, an zwei Stellen durch parkende Autos auf 70 cm begrenzt wird. "Da kommt man doch dran vorbei", mögen sich die Parkenden beim Parken gedacht haben. Wenn sie denn gedacht haben.

Ist aber auch egal, denn schon fünfzig Meter später endet der Radweg ohne Vorwarnung im Nichts. Dieses Mal müssen wir nur eine Minute warten, bis wir mit unseren Fahrrädern über die Straße hasten können, um dann auf der rechten Fahrbahn weiterzuradeln.

6 cm Radweg-Bordsteinkante gegen 8 bar Rennradreifen

Kurz darauf droht in der Ferne wieder dieses blaue Befehlsschild. Radweg mit Benutzungszwang! Wir sind ja wie immer fest entschlossen, uns gesetzestreu zu verhalten. Schon 80 Meter hinter dem Schild gibt es eine Fahrbahn-Absenkung. Der scharfkantige Bordstein ist hier nur 6 cm hoch. Unsere Reifen haben einen Luftdruck irgendwo zwischen sechs und acht Bar, wenn sie korrekt aufgepumpt sind.

Hochfahren geht nicht, schräg schon 'mal gar nicht, die Sturzgefahr wäre zu groß. Wir steigen ab, um unsere Räder auf den Radweg zu hieven. Zwangsweise blockieren wir dabei den nachfolgenden Autoverkehr, der hinter uns warten muss, um auf der eher weniger breiten Straße nicht in den Gegenverkehr zu fahren.

Radwege reduzieren die Gefahr und machen den Verkehr flüssiger. Hallo? Glücklicherweise verhält sich in der Praxis kaum ein Rennradfahrer so, nein, die meisten bleiben in so einem Fall natürlich auf der Straße und nehmen tapfer die folgenden Strafaktionen mancher Autofahrer in Kauf.

Ein Sonntags-Ausflugs-Fahrer hinter uns scheint es denn auch besonders eilig zu haben. Er hupt uns wütend an. Irgendwann sind wir dann auf dem Radweg, und alle sind froh, vor allem die Autofahrer. Ohne die lästigen Radfahrer kann es jetzt zügig weiter gehen, auch wenn wir auf dem Radweg schon bald schneller sind als die Autos auf der Straße, was aber auch kein Kunststück ist, denn es sind inzwischen so viele Autos, dass sie alle zusammen im Stau stehen bzw. der Stau sind.

Liebevoll geflickter Radweg. So macht Radfahren richtig Spaß.

Wir rollen souverän daran vorbei. Es geht doch nichts über einen deutschen Radweg! Auf dem groben, immer wieder liebevoll geflickten Streifen aus unterschiedlichsten Teeren und sonstigen Materialien diverser Zeiten geht es relativ entspannt zu.

Man muss ja nicht schnell fahren, nur weil man ein Rennrad hat. Immerhin behindern uns die Autos jetzt nicht weiter. Was sie ausstoßen, stinkt halt ein bisschen, und die Grundstücks-Ausfahrten alle 10 Meter nerven etwas - auf und ab geht die Fahrt auf harten Reifen.

So macht Radfahren richtig Spaß. Besonders lustig ist es an den Stellen, an denen sich aus den Vorgärten der angrenzenden Einfamilienhäuser Baumwurzeln unter die rauhen Asphalt-Flicken geschoben und diese um ein paar Zentimeter angehoben haben.

Schläge ins Kreuz, pannensichere Rennradreifen und eine pfiffige Kommune

Gebröselter Asphalt hilft uns in Kooperation mit mikroskopisch kleinen Glassplittern, die Pannen-Resistenz unserer Rennrad-Reifen zu testen. Die Schläge in's Kreuz stärken die Rücken-Muskulatur.

Ich nehme wahr, was dieser Radweg ist: Ein umgewidmeter Gehweg aus den sechziger Jahren. Um ihr selbst gestecktes Radwegesoll zu erfüllen, hat die Kommune kurzerhand ein kombiniertes Fußgänger-/Radwegschild darauf gestellt. Und schon hat man für den nächsten Kommunalwahlkampf wieder ein paar 100 Meter mehr Radweg vorzuweisen. - Vorbildlich in Zeiten leerer Kassen!

Was für ein Unsinn: Riemchen für den Radweg

Aber ein paar hundert Meter später scheint es besser zu werden - ein nagelneuer Weg, rechts für Fußgänger, fahrbahnseitig parallel dazu der Radweg, beide durch einen kleinen Grün-Bereich voneinander getrennt. Plötzlich merke ich, dass mein Rad leicht hin und her schlingert und sich instabil anfühlt. Aber die Reifen sind ok.

Schnell wird klar, was das Schlingern verursacht. Die Radwege-Planer wollten es besonders schön machen. Sie haben schmale Riemchen mit breiten Fugen als Radweg verlegen lassen - prima geeignet vor allem für Fahrräder mit schmaleren Reifen wie z. B. Rennräder, für die ja der Radwege-Benutzungszwang, wie eingangs ausgeführt, gelten soll wie für alle Räder.

Endlich wieder mit dem Rennrad auf der Straße

Kurz bevor wir unseren Lückenschluss entlang der Bundesstraße beenden, ist da zum guten(?) Schluss noch der Ausdemgrundstückherausfahrer, der um ein Haar unser ganzes Grüppchen vom Rennrad geschmissen hätte, weil er nicht um den städtischen Verkehrsberuhigungs-Strauch und den grauen Telekommunikations-Kasten herumgucken konnte.

Aber irgendwann ist es dann so weit, dem Himmel sei Dank. Wir leben noch und sind unverletzt, obwohl wir dem Radwege-Benutzungszwang Folge geleistet haben. Im Stau neben uns wird gerade wüst herum gehupt und geschimpft, keine Ahnung warum. Wir sind stolz auf uns.

Und wir hoffen, dass wir wenigstens auf dieser Ausfahrt keines dieser blau-weißen Zwangsbeglückungs-Schilder mehr sehen und befolgen müssen. Und dass mündige Fahrradfahrer irgendwann von Fall zu Fall selbst entscheiden dürfen, wo sie sich und andere am wenigsten gefährden - auf der Straße oder auf dem Radweg.

Schlussbemerkung: Die geschilderte Ausfahrt ist Fiktion, sie hat so nicht stattgefunden. Die Fiktion zeigt, was passieren kann, wenn man Radwege benutzt. Aber die Wirklichkeit ist gnadenlos. Was hier geschildert wurde, kann einem durchaus auf einer einzigen Ausfahrt passieren, selbst dann, wenn das Radwegstück nur kurz ist.

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