Viele Radunfälle passieren, weil man schlecht zu sehen ist.

Selber schuld also, oder? Das Folgende ist der Beweis. Noch heißt die Jahreszeit, in der wir leben, Winter. Es wird früher dunkel als im Frühjahr, aber die Sonne steht nicht mehr ganz so flach am Himmel. Die Sichtverhältnisse sind eindeutig besser als am 24. Dezember, immerhin. Trotzdem ziehe ich die neongelbe Radjacke mit den vielen Reflexstreifen an.

Ich radle los und biege das erste Mal ab. Tempo 30-Zone. Zwei Autos passen aneinander vorbei, mehr geht nicht. Eigentlich. Mir kommt eins entgegen. Es passiert ein parkendes Auto auf seiner Seite. Der ihm entgegenkommt - ich! - ist ja nur ein Radfahrer. Da mogelt man sich halt dran vorbei, denkt sich die Autofahrerin, falls sie denn denkt. Der Radfahrer braucht ja kaum Platz. Notfalls kann er auf den Gehweg ausweichen, Hochbord an dieser Stelle. Oder eben absteigen (und dann ?).

Die neongelbe Radjacke blendet

Der Radfahrer (ich) ist klug genug zu bremsen - ist auch besser so. Sie konnte ihn wohl nicht sehen, würde sie sagen, wenn man sie denn hinterher danach fragte. Und die neongelbe Jacke? Hat sie sicher so geblendet, dass sie genau deswegen nichts sehen konnte.

Aber diese Vorfrühlingstour ist ja noch nicht zuende. Auf den nächsten zwanzig, dreißig Kilometern gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Ich bin an einem Wochentag unterwegs, zwischen 13 und 15 Uhr, in ausgesprochen verkehrsarmer Zeit. Inzwischen bin ich mitten in der zweiten Hälfte der knapp 50 KM langen Rundtour.

Da gibt es dieses eine Stück leicht kurvige zweispurige Landstraße von ca. zwei Kilometern Länge. Hinter uns liegt eine Linkskurve. Ein PKW kommt entgegen. Ganz dicht dahinter klemmt ein zweiter, ein alter, dunkler BMW. Der Fahrer setzt plötzlich zum Überholen an. Sicher kann auch er mich nicht sehen, die neongelbe Weste, Sie wissen schon, sie blendet auch ihn. Alles geht so schnell. Ich habe keine Zeit, nach Fluchtmöglichkeiten zum Seitenrand hin zu gucken.

Ich bin aber auch wieder schlecht zu sehen heute.

Mit deutlich dreistelliger Geschwindigkeit brettert mir der alte BMW auf "meiner" Fahrspur entgegen. "Bitte halten Sie sich äußerst rechts, bis die Gefahr vorüber ist", höre ich den bekannten Satz aus dem Verkehrsfunk. Dass nichts passiert, ist einmal mehr meiner erhöhten Aufmerksamkeit zu verdanken - und einem Quentchen Glück.

Ich drehe mich um. Meine Begleiterin sitzt auch noch auf dem Rad. Der BMW ist am Beginn der folgenden Rechtskurve (vorher die Linkskurve aus unserer Sicht, s. o.) immer noch links. Gäbe es Gegenverkehr, hätte der Entgegenkommende keine Chance zu reagieren. Wir radeln weiter.

Etwas später halten wir an passender Stelle an, um uns über den Vorfall auszutauschen. Leider waren wir beide so mit unserem Überleben beschäftigt, dass keiner von uns dazu gekommen ist, sich das Kennzeichen des Überholenden zu merken. Wir hätten dieses kriminelle Verhalten sonst sicher angezeigt.

Ich glaube weiter unverdrossen an die Kraft des grellen Neongelb.

Wir rollen weiter. Fast sind wir zuhause. Es fehlen höchstens noch 600 m auf steiler Abfahrt im Wohngebiet. Es ist wieder diese Tempo 30-Zone, in der sich der erste Vorfall ereignet hatte, herrschende Vorfahrtsregel: rechts vor links. Das steile Stück wird gerade etwas weniger steil. Links ist eine Einmündung. Ein wirkliches Riesen-Exemplar von einem Traktor mit irgendwas hintendran rollt dort heraus.

Ich sehe, dass der Fahrer schaut, ob von links jemand kommt. Als er feststellt, dass das wohl nicht der Fall ist, fährt er in einem sehr großem Bogen los. Er braucht meine Spur mit. Trotzdem guckt er erst im Losfahren auch mal nach rechts, als er schon längst eine Hälfte "meiner" Fahrbahnseite belegt, aber so flüchtig, dass er mich erst einmal nicht von seinem Hochsitz aus sehen kann. Als er mich doch noch wahrnimmt,  bremst er aprupt, nicht ohne mir ein missbilligendes Kopfschütteln zuzuwerfen.

Das Recht des Stärkeren

Wie konnte ich nur einfach so weiterradeln, das Recht des Stärkeren ignorierend, wo ich doch nur auf einem Fahrrad vorfahrtberechtigt war - und man mich kaum sehen konnte, weil diese neongelbe Jacke so blendet.

Ich bin froh, dass ich kein Dreijähriger im dunklen Anorak bin. Und glaube natürlich weiter daran, dass grellhelle Kleidung trotzdem noch dem einen oder anderen Ignoranten im Straßenverkehr auf die Sprünge helfen kann.

 

 

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