Mit dem Rennrad auf dem Radweg

Radwegbenutzungspflicht blaues Schild,
 zusätzlich Gefahrenschild mit Hinweis auf Radwegschäden,
 im Hintergrund Fahrradfahrer

Ist ein Radweg mit einem der bekannten blauen Schilder versehen (und nur dann!), gilt für alle Radfahrer eine Benutzungspflicht, es sei denn, die Benutzung wäre zu gefährlich, z. B. bei Glätte. Über die Erlebnisse eines Rennrad-Fahrers, der sich gesetzeskonform verhält.

Sonntags in einer Ausflugs-Gegend - es ist viel los. Ich bin mit ein paar Freunden unterwegs. Um die Lücke zwischen zwei asphaltierten Feldstraßen zu schließen, müssen wir ein paar Kilometer auf der Bundesstraße zurücklegen.

Kombinierter Weg für Fahrradfahrer und Fußgänger

Wir sehen uns um: Kein Radweg? Doch, da drüben auf der linken Seite, ein kombinierter Weg für Radler und Fußgänger, sieht breit aus, sieht gut aus. Wir warten eine Lücke in den endlos langen Schlangen von Autos und Motorrädern auf beiden Fahrbahnen ab. Nach gefühlten zwei Minuten können wir die Straße überqueren.

Der Radweg ist breit. Nur hier und dort ein paar Glasscherben. Wenn man gut hinsieht, kann man sie prima umfahren - sofern man dabei aufpasst, dass man nicht in die Unebenheiten und die mehrere Zentimeter tiefen Schlaglöcher gerät, die es zwei Meter weiter vorne fast quer über die gesamte Radweg-Breite gibt.

Bestens gewarnt - da kann ja auf dem Fahrrad nichts mehr passieren.

Fahrradweg bzw. kombinierter Fußweg/Radweg mit Schäden

Aber wir sind ja gewarnt - durch das Gefahrenschild mit dem Zusatz "Radwegschäden", durch das die Behörde, die das Schild zuständigkeitshalber aufgestellt hat, vermutlich glaubt, sie sei fein 'raus, wenn wirklich einmal etwas Ernsthaftes passieren sollte. (Ich wäre mir da im Übrigen nicht so sicher.)

Nach ein paar hundert Metern, hinter einer Kurve, eine Abzweigung. Ein paar Leute auf Inlinern kommen herausgeschossen. Glücklicherweise rechnen wir mit dem Schlimmsten, sind also langsam und kommen gerade noch rechtzeitig zum Stehen. "Warum so hektisch?", ruft uns einer der Inliner fröhlich lachend zu. Was hat er gesagt? "Entschuldigung"?

Motorradfahrer beim Kartenstudium bremsen Rennradfahrer auf Radweg

Die meisten von uns schaffen es sogar noch, beim erzwungenen Halt die Schuhe aus den Pedalen zu drehen. Einer ist  nicht schnell genug. Er bleibt drin. In den Pedalen. Mit seinen Schuhen. Und fällt mitsamt Rad um. Die Inliner sind weg. Wir helfen unserem Kumpel hoch - nichts passiert. Wir fahren weiter.

Ein sehr kurzer Radweg
Dazu sagt manch eine(r) "nein": zu kurzer Radweg

Jetzt haben wir den Radweg auf unseren Rennrädern kurzzeitig für uns. Links eine hohe Hecke, eine Links-Biegung - Vollbremsung. Ein Rudel Motorad-Fahrer hat sich zum Kartenstudium auf den Radweg zurückgezogen. Man will den Autoverkehr nicht stören. Diesmal klicken wir alle rechtzeitig aus, rollen langsam an dem Motorrad- Trupp vorbei, ohne etwas zu sagen, und fahren weiter.

Bis auf den längs zur Fahrtrichtung eingebauten Gulli-Deckel gibt es jetzt nichts mehr zu meckern - sieht man einmal davon ab, dass die Breite des Weges, der ja in beiden Richtungen von Fußgängern und Radfahrern gemeinsam benutzt werden soll, an zwei Stellen durch parkende Autos auf 70 cm begrenzt wird.

Das macht nichts weiter, denn schon fünfzig Meter später endet der Radweg ohne Vorwarnung im Nichts. Dieses Mal müssen wir nur eine Minute warten, bis wir mit unseren Fahrrädern über die Straße hasten können, um dann auf der rechten Fahrbahn weiterzuradeln. Wir sind froh, dass wir diesen tollen Radweg für ca. 700 Meter benutzen durften.

3 cm Radweg-Bordsteinkante gegen 8 bar Rennradreifen

Kurz darauf droht in der Ferne wieder dieses blaue Befehlsschild. Wir sind ja wie immer fest entschlossen, uns gesetzestreu zu verhalten. Schon 80 Meter hinter dem Schild gibt es eine Fahrbahn-Absenkung. Der scharfkantige Bordstein ist hier nur 3 cm hoch. Unsere Reifen haben einen Luftdruck um 8 bar. Das ist so beim Rennrad.

Nur noch für Fußgänger,
 dann wieder Radweg,
 dann Radwegende auf dieser Straßenseite
Absteigen: 1. Schild, Aufsteigen: 2. Schild,
Absteigen: 3. Schild

Hochfahren geht nicht, schräg schon 'mal gar nicht, die Sturzgefahr wäre zu groß, die Gefahr für das empfindliche Material, mit dem wir unterwegs sind, auch. Also steigen wir ab, um unsere Räder auf den Radweg zu hieven. Zwangsweise blockieren wir dabei den nachfolgenden Autoverkehr, der hinter uns warten muss, um auf der eher weniger breiten Straße nicht in den Gegenverkehr zu fahren. Radwege reduzieren die Gefahr und machen den Verkehr flüssiger. Hallo? (Glücklicherweise verhält sich in der Praxis kein Rennradfahrer so...)

Ein Sonntags-Ausflugs-Fahrer hinter uns scheint es eilig zu haben. Er hupt uns wütend an. Irgendwann sind wir dann auf dem Radweg. Die Autos setzen sich wieder in Bewegung. Ich sehe, dass einer von uns unten auf der Straße geblieben ist. Er hat sich für den Regelverstoß entschieden, weil er das in diesem Fall für sicherer hält. Er wird dafür von genau dem Autofahrer angehupt und in Richtung Radweg gedrängt, der sich vorher mit uns angelegt hatte, weil wir den Radweg benutzen wollten.

Liebevoll geflickter Radweg. So macht Rennradfahren richtig Spaß.

Auf dem grob asphaltierten, an zahlreichen Stellen liebevoll geflickten Radweg geht es relativ entspannt zu. Man muss ja nicht schnell fahren, nur weil man ein Rennrad hat. Die Autoschlange zieht - kaum schneller als wir - träge an uns vorbei. Die Grundstücks-Ausfahrten alle 10 Meter nerven etwas - auf und ab geht die Fahrt auf harten Reifen. So macht Rennradfahren richtig Spaß. Besonders lustig ist es an den Stellen, an denen sich aus den Vorgärten der angrenzenden Einfamilienhäuser Baumwurzeln unter die rauhen Asphalt-Flicken geschoben und diese um ein paar Zentimeter angehoben haben.

Gebröselter Asphalt hilft uns in Kooperation mit mikroskopisch kleinen Glassplittern, die Pannen-Resistenz unserer schmalen Rennrad-Reifen auf diesem Radweg zu testen. Die Schläge in's Kreuz stärken die Rücken-Muskulatur. Ich nehme wahr, was dieser Radweg ist: Ein Gehweg aus den sechziger Jahren. Um ihr selbst gestecktes Radwegesoll zu erfüllen, hat die Kommune kurzerhand ein kombiniertes Fußgänger-/Radwegschild darauf gestellt. Und schon hat man für den nächsten Kommunalwahlkampf wieder ein paar 100 Meter mehr Radweg vorzuweisen. - Vorbildlich in Zeiten leerer Kassen!

Schon ein paar hundert Meter später werden unsere Vorurteile widerlegt, glauben wir jedenfalls erst einmal, denn hier wurde der gesamte Weg neu angelegt: Rechts ein geräumiger Fußweg-Bereich, fahrbahnseitig parallel dazu ein Fahrradweg für unsere Richtung. Ein Blick zur anderen Straßenseite offenbart, dass es auch einen für die Fahrradfahrer gibt, die in Gegenrichtung unterwegs sind.

Damit es schön ist: Riemchen für die Rennrad-Reifen

Trotzdem kommen uns erst einmal ein paar Fahrräder - es sind Rennräder, ich schäme mich - entgegen und wir quetschen uns unfallfrei aneinander vorbei, obwohl die anderen schätzungsweise 40 Sachen draufhaben.

Als sie vorbei sind, merke ich, dass mein Rad die ganze Zeit seltsam hin und her schlingert. Ich inspiziere meine Reifen. Sie sind ok. Dann wird mir klar, was das Schlingern verursacht. Die Radwege-Planer wollten es besonders schön machen. Sie haben schmale Riemchen mit breiten Fugen verlegen lassen - prima geeignet für unsere 23er Rennrad-Reifen.

Schließlich ist da noch der Ausdemgrundstückherausfahrer, der um ein Haar unser ganzes Grüppchen vom Rennrad geschmissen hätte, weil er nicht um den städtischen Verkehrsberuhigungs-Strauch und den grauen Telekommunikations- Kasten herumgucken konnte.

Endlich wieder mit dem Rennrad auf der Straße

Irgendwann ist es so weit, dem Himmel sei Dank. Wir erreichen die asphaltierte Nebenstraße. Unser Lückenschluss-Manöver haben wir verletzungsfrei absolviert - und das, obwohl wir die großzügig angelegten Radwege benutzt haben. Wir sind stolz auf uns.

Schild zur Radwege-Benutzungspflicht sinnbildlich durchgestrichen für die Forderung nach Abschaffung der Radwege-Benutzungspflicht zumindest für Rennradfahrer

Und wir hoffen, dass wir wenigstens auf dieser Ausfahrt keines dieser blau-weißen Zwangsbeglückungs-Schilder mehr sehen und befolgen müssen. Und dass mündige Fahrradfahrer irgendwann von Fall zu Fall selbst entscheiden dürfen, wo sie sich und andere am wenigsten gefährden - auf der Straße oder auf dem Radweg.

Schlussbemerkung: Die geschilderte Ausfahrt ist Fiktion, sie hat so nicht stattgefunden. Die Fiktion zeigt, was passieren kann, wenn man Radwege benutzt. Aber die Wirklichkeit ist gnadenlos. Was hier geschildert wurde, kann einem durchaus auf einer einzigen Ausfahrt passieren, selbst dann, wenn das Radwegstück, auf dessen Benutzung man sich gezwungenermaßen einlässt, nur kurz ist.

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