Kanaren: Wenn La Calima zuschlägt

Palme im Wüstenwind - La Calima-Sturm auf Lanzarote

Eigentlich wollten wir auf der Rennrad-Ausfahrt an diesem letzten Tag unseres Lanzarote-Aufenthalts nochmal alles von der Insel sehen - die dunklen Lavafelder, das Meer, von weitem betrachtet scheinbar tiefblau wie sonst nirgendwo, und das strahlend helle, wüstenmäßig Sandige in dem Bereich zwischen Soo, La Caleta und Mozaga. Aber La Calima, der Wüstensturm, machte uns einen Strich durch die Rechnung.

Wir mussten unsere Rennradtour abbrechen. Weiterfahren wäre zu gefährlich gewesen. Und so kamen wir an diesem letzten Tag unseres Rennradurlaubs auf Lanzarote mit dem Taxi zurück ins Hotel in Costa Teguise, die Rennräder im Kofferraum. Das war Anfang März vor ein paar Jahren.

Am Anfang nur leichter WInd - und viel Gelb in der Luft.

Erst kürzlich, zu Beginn des Jahres 2020, war ein großer Teil der Kanaren insgesamt von La Calima betroffen. Damals haben wir das Phänomen auf Lanzarote und auch nur im Norden der Insel erlebt.

Als wir morgens in Costa Teguise starten, ist es nur leicht windig und etwas dunstig, aber der Dunst ist leicht gelblich, anfangs jedoch kaum wahrnehmbar für jemanden, der nicht darauf achtet. Wir wählen die Strecke über Tahiche und San Bartolomé. Hinter Masdache wollen wir rechts abbiegen in Richtung Tinajo. Wenige Kilometer vor der Abbiegestelle merken wir, dass der Wind zunimmt.

Nach dem Abbiegen haben wir Seitenwind, und ein um's andere Mal erfassen uns Böen, die uns seitlich wegzudrücken drohen. Wir halten dagegen und stellen uns schräg gegen den Wind, wo es nötig ist. Es ist oft nötig, denn der Wind wird immer stärker.

Jetzt ist es Sturm - und unsere Haut wird gesandstrahlt.

In Mancha Blanca, dem kleineren Ort vor Tinajo, machen wir einen kurzen Zwischenstopp. Wir verständigen uns darauf, dass das kein Wind mehr ist, sondern Sturm. Aber was soll's - irgendwie müssen wir weiter und im weiteren Verlauf wieder zurückkommen zu unserem Hotel. Die Luft ist inzwischen schmutzig-gelb.

Wüstensand wird mit dem Sturm vom afrikanischen Festland her in Richtung der Insel geweht. Wir fühlen uns gesandstrahlt. Die Palmen an der Strecke biegen sich im Wind. Jetzt müssen wir hinter jeder Hausecke mit Sturmböen rechnen, die uns vom Fahrrad holen können.

Wir beschließen, erst einmal eine Pause einzulegen, um uns zu sammeln und zu überlegen, wie es weiter gehen soll, und finden ein Bistro, in dem wir einen Espresso und ein Stück Kuchen zu uns nehmen.

Wir sprechen nur sehr wenig Spanisch, aber in Kombination mit einigen Brocken Englisch, die die Bedienung versteht, schaffen wir es, danach zu fragen, wie lange diese gefährliche Wetterlage der Erfahrung nach wohl andauern werde. Es könne schon noch dauern, bis sich das Wetter wieder beruhigt, ist die wenig ermutigende Antwort.

Sturmböen aus allen Richtungen

Wir beschließen, dass wir versuchen wollen, auf möglichst kurzem Weg nach Costa Teguise zurück zu radeln. Die Option, uns notfalls ein Taxi zu suchen, halten wir uns offen. Wir verlassen also Tinajo über den Kreisverkehr in Richtung Tiagua und fahren jetzt voll gegen den Sturm an. Manchmal kommen die Böen von vorne links, dann wieder von vorne rechts.

Sie wechseln einander in kurzer Abfolge ab, so dass man dauernd korrigieren und dagegen halten muss. Schwierig und gefährlich wird es vor allem, wenn einen der Wind nach rechts von der Straße pusten will. Dann korrigiert man logischerweise nach links. Kommt in diesem Moment aber eine Bö von rechts, so besteht die Gefahr, dass man vom Seitenstreifen, auf dem wir fahren, nach links in den Autoverkehr gedrückt wird.

Und wenn dort gerade ein LKW-Fahrer dabei ist, uns zu überholen, dann -

Eine E-Klasse Limousine für zwei Personen und zwei Rennräder

Es ist wirklich gefährlich, und so entschließen uns, dass wir doch lieber ein Taxi nehmen wollen. Aber wo wollen wir hier überhaupt ein Taxi herkriegen? Wir fahren zurück in den Ort. Meine Frau hat 'mal wieder eine kluge Idee. "Wir gehen jetzt in diese Apotheke dort drüben", sagt sie, während sie zur anderen Straßenseite zeigt, "und bitten die Leute dort, dass sie uns ein Taxi für zwei Personen und zwei Fahrräder bestellen. Wer - wenn nicht eine Apothekerin - kann hier wohl sonst Englisch sprechen?"

Sie ging in die Apotheke. Ich passte solange auf die Räder auf. Nach ein paar Minuten kam sie wieder heraus. "Taxi ist unterwegs", sagte sie. Das Taxi, das wenig später vorfuhr, war eine E-Klasse-Limousine, ca. 20 Jahre alt, eigentlich ein Riesenauto, aber leider zu klein für uns mit unseren zwei Rädern.

Wir begrüßten die Fahrerin mit Handschlag. Fast ansatzlos griff sie zu Ihrem Smartphone. Nachdem sie ihr Telefonat beendet hatte, gab sie uns zu verstehen, dass sie einen Kollegen mit einem größeren Auto herbeigerufen hatte.

Stabiler Stapel aus zwei Rennrädern

Der traf dann auch nach wenigen Minuten ein. Er fuhr ebenfalls mit einer 20 Jahre alten E-Klasse vor, allerdings als Kombi. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber beide Rennräder passten in das Gepäck-Abteil der alten E-Klasse, ohne dass der Fahrer auch nur einen Moment daran gedacht hätte, die Rückbank umzulegen.

Er stellte keine Fragen, sondern packte sofort zu und nahm eins der Rennräder und baute das Vorderrad aus. Schnell wurde klar, dass das nicht langte, und wir bauten auch noch das Hinterrad aus. Dann konnte er den Rest des Rades ohne größere Probleme in den Laderaum legen.

Nun war das zweite Rennrad dran. Auch dem nahmen wir die Laufräder ab, und dann legte der Taxifahrer das zweite Rennrad auf das erste. Das machte er so umsichtig, dass keinen Moment lang die Gefahr bestand, dass irgendetwas hätte beschädigt werden können.

Abschließend legten wir noch die Laufräder obendrauf. Der Taxifahrer warf einen leicht selbstverliebten Blick auf den stabilen Stapel aus zwei Rahmen und vier Laufrädern im Heck des alten Kombis, und dann konnte es losgehen.

Der „ersten“ Taxifahrerin, die gemeinsam mit uns auf ihren Kollegen mit dem Kombi gewartet hatte, konnten wir noch einen 5-Euro-Schein als kleine Anerkennung aufdrängen. Immerhin hatte sie auf "ihre" Fahrt verzichtet. Bei der Übergabe des Scheins mussten wir nur darauf achten, dass er uns nicht vom Sturm entrissen und sonst wo hin getrieben wurde.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Unser Weg führte uns quer über die Insel zurück in Richtung Costa Teguise. Und irgendwann, als wir San Bartolomé erreicht hatten, traute ich meinen Augen nicht. Ich nahm wahr, dass die Palmen fast regungslos standen. Es war so gut wie windstill.

Hatten wir gesponnen? Nur von den Palmen geträumt, die sich im Wind gebogen hatten, nur etwas von Sturmböen phantasiert, die uns ein- ums andere Mal fast vom Rennrad geholt hätten?

Nein, natürlich nicht. Wir hatten nur das Pech, dass uns unsere Tour auf der Insel genau dahin geführt hatte, wo La Calima wütete, während die Menschen auf der anderen Seite der Insel einen sonnigen Tag (mit etwas Dunst) bei ca. 23 Grad und Windstille erleben durften.

Positive Erfahrungen - und wieder etwas gelernt

Wir hatten gelernt, dass Windstille auf Lanzarote trügerisch sein konnte, dass gelblicher Dunst nichts Gutes verhieß und dass es sinnvoll ist, die Wetterlage gut im Auge zu behalten, auf Calima-Warnungen zu achten und diese dann auch sehr ernst zu nehmen.

Und wir hatten gelernt, dass die Menschen auf Lanzarote nicht nur - aus Rennradfahrer-Sicht - angenehme Autofahrer, sondern auch sehr hilfsbereite, findige Menschen sind.

 

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