Andalusien: Radfahrerfreundliche Autofahrer

Rennradfahrer in Andalusien auf kleiner Landstraße

Wir waren im ländlichen Hinterland der Costa de la Luz unterwegs. Nirgendwo sonst fühle ich mich auf dem Rennrad so sicher wie dort. Das liegt an der umsichtigen, radfahrerfreundlichen Fahrweise vieler Autofahrerinnen und Autofahrer. So überholen die meisten wirklich nur, wenn es gefahrlos möglich ist.

Und dabei benutzen sie grundsätzlich die Gegenspur. So haben sie ausreichend Abstand zum überholten Fahrrad. Sie brettern nicht mal eben - wie viele Autofahrer hierzulande - vor Kurven, Bergkuppen etc. mit riskant wenig Abstand am Fahrrad vorbei, sondern fahren im Zweifel auch längere Zeit geduldig hinter dem Radfahrer, der Radfahrerin her, bis sie gefahrlos überholen können - ganz so, wie sie sich langsameren KFZ gegenüber verhalten würden. Sie nehmen Radfahrer als Verkehrsteilnehmer ernst.

Auch Gruppen gegenüber vorbildlich

Rennrad-Gruppe in Andalusien

Dieses vorbildliche Verhalten praktizieren sie auch Fahrrad-Gruppen gegenüber, die manche Autofahrer hierzulande als besonders nervig empfinden, was nicht selten zu riskant-aggressivem Verhalten dieser Autofahrer führt. Bei unserem letzten Rad-Urlaub in Andalusien fuhren wir längere Zeit in wenigen hundert Metern Abstand hinter einer Gruppe her. Alle, wirklich alle Autofahrer blieben geduldig hinter der Gruppe, solange es Gegenverkehr gab oder die Situation zumindest unübersichtlich war.

Keiner dieser Autofahrer drängelte, hupte oder fuhr mit erkennbarer Ungeduld dicht auf die Gruppe auf. Sobald ein gefahrloses Überholen möglich war, wurde die Gruppe zügig und mit angemessenem Abstand überholt - überhaupt kein Vergleich zu ähnlich gelagerten Situationen in Deutschland.

Warum können deutsche Autofahrer nicht, was Andalusier können?

In Gesprächen mit deutschen Autofahrern, die selber nicht Fahrrad fahren, wird im Allgemeinen als erstes gefragt, warum ALLE Rennradfahrer neben den Radwegen herfahren statt sie zu benutzen. Ist das Thema durch, beklagen sich Autofahrer über Rennrad-Gruppen, die die Fahrspur DAUERND und IMMER durch eine weit ausladende Fahrweise „blockieren“.

Aber besagte Gruppe in Andalusien beanspruchte auch die komplette Richtungsfahrbahn, und kein Autofahrer rastete auch nur ansatzweise aus. Warum können so viele deutsche Autofahrer nicht das, was die Andalusier können - einfach ein paar Sekunden abwarten?

Manchmal kann Denken helfen.

Selbst wenn alle Radfahrer einer Gruppe brav hintereinander her führen: Auf vielen Straßen reicht der Platz nicht aus, um Radfahrer bei Gegenverkehr zu überholen, jedenfalls dann nicht, wenn man den Abstand der Radfahrer zum rechten Fahrbahnrand, die Breite der Radfahrer selbst sowie den rechtlich gebotenen Abstand des Autos zum Fahrrad von je nach Situation mindestens 1,50 m einkalkuliert.

So gesehen ist es oft völlig unerheblich, ob die Radfahrer hintereinander oder nebeneinander fahren, jedenfalls dann, wenn die überholenden Autofahrer den rechtlich gebotenen Mindest-Abstand einhalten, wozu sie verpflichtet sind. Zudem gäbe es eine viel längere Reihe von Radfahrern, die zu überholen wäre, wenn sie einreihig unterwegs wären. Der Überhol-Vorgang würde also länger dauern und wäre insofern aufwendiger.

Manchmal kann Denken wirklich helfen - oder einfach andalusische Gelassenheit, womit wir denn auch wieder beim Thema sind.

Rücksichtsvoll und aufmerksam Radfahrern gegenüber

Zum positiven Gesamt-Eindruck unseres letzten Rad-Urlaubs in Andalusien gehört auch dies, immer wieder so wahrgenommen: Ich fahre mit dem Fahrrad auf einer Straße, die gerade so breit ist, dass zwei PKW aneinander vorbeifahren können.

Auch Autos, die erst einmal zügig entgegenkommen, absolvieren die Begegnung mit dem Radfahrer bei deutlich reduzierter Geschwindigkeit.

Zugleich registriere ich die gesteigerte Aufmerksamkeit und Rücksicht des Fahrers bzw. der Fahrerin, was wirklich sehr angenehm ist. Haben sie den Radfahrer passiert, werden sie wieder schneller.

Nur wenige Ausnahmen

In Deutschland kenne ich eher das Gegenteil: Auf asphaltierten Feldstraßen, gerade einmal breit genug für einen Traktor, egal ob für den motorisierten Verkehr gesperrt oder nicht, brettern sie dem Radfahrer ungebremst mit Tempo 70, 80, 90 oder auch 100 entgegen, so dass dieser vor Schreck nach Fluchtmöglichkeiten im Bereich des Grünstreifens sucht.

Und das machen sie auch Sonntags, bei ihrem PKW-Ausflug aufs Land - natürlich nicht alle, ebenso wie auch nicht alle andalusischen Autofahrer Engel sind; aber die Anzahl der Ausnahmen ist nicht besonders groß.

Augen zu und durch

Der Unterschied lässt sich vielleicht so auf den Punkt bringen: In übersichtlichen Verkehrs-Situationen überholen auch deutsche Autofahrer, so ist meine Erfahrung für meine Heimat im eher ländlichen Bereich, mit ausreichend Abstand.

Im Zweifel aber, also wenn es unübersichtlich ist oder Gegenverkehr gibt, warten andalusische Autofahrer in der Mehrzahl ab, während deutsche Fahrer allzu oft nach dem Motto „Augen zu und durch“ agieren und dabei für nur wenige Sekunden Zeitgewinn höchstes Risiko gehen.

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