Mallorca: Rennrad, Regen, Reifenpanne

Hintere Rennrad-Bremse nach Fahrt durch Matsch und Dreck

Gnadenlos verdreckte Rennräder am Ende, Starkregen und Starkwind unterwegs, eine Panne, dazu passend eine fehlende und eine kaputte Luftpumpe: Auch auf Mallorca kann man was erleben. Schon als wir an diesem Dezember-Morgen starten, sind dicke Wolken über und große Pfützen unter uns.

Laut Vorhersage soll sich das Wetter gegen Mittag bessern. Wir vertrauen wir auf die computergestützten Vorausahnungen der Meteorologen, rechnen also mit dem glatten Gegenteil dessen, was sie vorhergesagt haben. Wir sind gespannt, ob wir damit richtig liegen.

Unser Startort ist S'Arenal. Erst einmal fahren wir ein Stück parallel zum Flughafen, ehe wir auf die Straße Ma19-A in Richtung Llucmajor abbiegen.

Zu Beginn: Leichter Regen

Es sind nicht sehr viele Autos unterwegs an diesem Sonntag vor Weihnachten. Es fängt leicht an zu regnen. Die Tour, die wir uns vorgenommen haben, ist gut 90 KM lang, und die ersten 18 davon haben wir schon hinter uns, als wir den höchsten Punkt des Hügels in Richtung Llucmajor erreicht und auch schon die klobige Kirche des Städtchens im Blick haben.

Hinter Llucmajor geht es in mäßigem Tempo weiter auf dem gut zu befahrenden Seitenstreifen der Ma-19 in Richtung Campos. Einen Moment lang scheint es so, als würde es heller. Aber schon vor Campos werden die Wolken wieder dunkler, und sie scheinen jetzt auch tiefer zu hängen.

Erstmals Starkregen - aber noch ist mit den Rädern alles in Ordnung.

Wir haben Campos fast vollständig passiert, da fängt es heftigst an zu regnen. Wir fahren schon die ganze Zeit gegen einen böigen Südost-Wind an, und jetzt gibt es auch noch ein paar kräftige bis stürmische Böen dazu. Das Wetter kennt keine Gnade. Wir werden durch und durch nass.

Trotzdem beschließen wir, weiter zu fahren. Rennradfahrer sind so (bescheuert, hätte ich fast gesagt). Aber auch wenn wir umkehren würden, hätten wir jetzt noch 30 Kilometer vor uns. Unsere Zähigkeit wird belohnt: Schon bald ist der Schauer weiter gezogen, und es wird wieder heller. Wenn jetzt vielleicht die Sonne noch herauskäme und dann womöglich auch noch etwas länger scheinen würde, gäbe es sogar die Chance, dass unsere Klamotten wieder trocknen könnten.

"Ich habe einen Platten." - "Kein Problem". Glaube ich erst einmal.

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, jedenfalls dann, wenn nichts dazwischen kommt. Hier aber kam etwas dazwischen - ein Zuruf meiner Frau aus dem Windschatten, die Bitte, ich möge doch mal halten. Ihr Wunsch ist mir wie immer Befehl, wir halten, und trocken kommt es aus ihrem Munde: "Ich habe einen Platten."

"Kein Problem", sage ich. Schließlich haben wir Ersatzschläuche dabei, und beide Leih-Rennräder bringen jeweils eine funktionierende Luftpumpe mit. Da sind wir uns ganz sicher. Also das Übliche, denke ich: Rad ausbauen, alten Schlauch raus, Reifen und Felge auf Schäden überprüfen, neuen Schlauch leicht anpumpen und einsetzen, Rad wieder einbauen, aufpumpen, fertig. - Wir kommen erst einmal leider nur bis zu "Reifen und Felge auf Schäden überprüfen".

Wenn sich die Pumpe unbemerkt und ohne zu fragen vom Fahrrad entfernt

Als nächstes würden wir nun normalerweise den neuen Schlauch, der inzwischen ausgepackt ist, mit wenigen Stößen aus einer der beiden Handpumpen ganz leicht mit Luft versehen, um ihn besser einlegen zu können.

"Gibst Du mir Deine Pumpe?", frage ich Sylvia.

"Würde ich machen", sagt sie, "aber sie ist weg. Der Pumpenhalter ist leer, der Haltegummi für die Pumpe fehlt." - weswegen sich die Pumpe unterwegs unbemerkt wohl vom Fahrrad entfernt hat.

"OK", denke ich und sage ich auch, "das ist blöd, aber wir haben ja noch eine Luftpumpe" - nämlich die an meinem Rad.

Mausgraue Leihrad-Pumpe aus Hartplastik

Ein banger Blick auf den Pumpenhalter, und da prangt sie tatsächlich, die mausgraue Leihrad-Pumpe aus Hartplastik. Ich nehme sie also ab, setze sie an das Ventil des neuen Schlauchs, pumpe und - nichts passiert.

Das wiederhole ich noch ein paarmal, ebenso erfolgreich, also ohne Erfolg, immer mit dem Resumée: "Nichts passiert." Ich sehe mir den Pumpenstutzen der mausgrauen Leihrad-Pumpe aus Hartplastik an und stelle fest: Da kann auch nichts passieren, denn der Innenring des Stutzens ist ausgebrochen und wabert irgendwo undefiniert im Stutzen herum.

Ich bin geneigt, die Pumpe in einem Wutanfall auf's Pflaster zu schleudern, kann mich aber so gerade bremsen: Wie will ich dem Verleiher dann nachweisen, dass er mir ein Rad mit kaputter Luftpumpe gegeben hat?

Der Himmel ist inzwischen noch ein wenig dunkler geworden. Unsere Gegenteil-gestützte Wettervorhersage droht sich zu bewahrheiten (vgl. die Aussage zur Wettervorhersage zu Beginn). Die nächste Stadt, Santanyi, ist nicht mehr weit weg. Ob wir dort ein Taxi bekommen würden, das uns mitsamt Rädern (auf Kosten des Vermieters hoffentlich, oddrrr), nach Palma bzw. S'Arenal zurück transportiert?

Lieber aus eigener Kraft zurückfahren...

Besser wäre es natürlich, wir könnten eine Ersatzpumpe auftreiben und aus eigener Kraft mit den Rädern zurückfahren. Käme jetzt ein Radfahrer vorbei, könnte man sich dessen Pumpe kurz ausleihen...

Auf Mallorca kommen sonst dauernd Radfahrer vorbei, vor allem Rennradfahrer. Aber bei diesem Wetter fahren nur die ganz Harten überhaupt los, Leute wir wir also. Nur die Harten kommen in den Garten.

Nach ein paar Minuten naht tatsächlich ein Fahrrad, eine Art Mountainbike. Wir winken dem Fahrer zu. Er ist so nett und hält an. Wir fragen nach einer Luftpumpe.

Er versteht uns nicht; kein Deutscher offenbar, sondern Ausländer oder besser gesagt: Einheimischer. Er antwortet etwas. Jetzt verstehen wir ihn nicht. Aber er ist nett und freundlich, und wir sehen, dass er keine Pumpe am Rad hat. Wir sagen "Gracias" und "Adios", er auch, und dann fährt er weiter. Eine nette Begegnung, immerhin, ich bin froh, dass ich 'mal meine ganzen Spanisch-Kenntnisse anwenden konnte, aber das bringt uns auch nicht weiter.

Erste Tropfen aus schwarzen Wolken

Aus den schwarzen Wolken fallen jetzt die ersten Tropfen, noch nichts Schlimmes, aber wir ahnen Übles. Kein weiterer Radfahrer in Sicht. Plötzlich Sylvia, aufgeregt: "Da kommen zwei, sogar RENNRAD-Fahrer!" Wir winken mit Nachdruck, die beiden halten an, keine Ausländer - eh, Einheimischen -, sondern Deutsche. Wir sprechen die beiden an.

Einer von ihnen hat sogar eine Luftpumpe dabei. Wir kommen jedoch kaum dazu, uns darüber zu freuen, denn plötzlich schüttet es wie aus Kübeln. Trotzdem zieht er eine kleine Chrompumpe aus der Trikot-Tasche, setzt sie an und pumpt, was das Zeug hält. Der Regen legt weiter zu, und je stärker es regnet, so kommt es mir jedenfalls vor, desto stärker pumpt der Rennrad-Kollege.

Edle Pumpe

Ich biete ihm an, das selber zu erledigen. Denn natürlich weiß ich, dass es ziemlich anstrengend sein kann, einen Rennradreifen von Hand auf einen straßentauglichen Druck zu bringen. Da will ich mich eigentlich nicht raushalten. Aber ich glaube, die Pumpe, mit der er da arbeitet, ist ein ziemlich edles Teil, jedenfalls sieht sie so aus, und vielleicht mag er sie deshalb nicht aus der Hand geben.

Wir bedanken uns angemessen überschwänglich, gern auch hier und jetzt nochmal, und verleihen ihm den Orden "Guter Mensch von Santanyi". Fünf, vielleicht sogar sechs Bar hat er dem Reifen sicher gegeben, und schließlich können wir weiter fahren.

Nach ihm und seinem Kumpel sehen wir an diesem Tage keinen einzigen weiteren Radfahrer mehr vorbei.

Permanente Dusche

Erbarmungslos schleudert uns das Hinterrad allen Matsch und Dreck von der Fahrbahn gegen den Rücken, auf den Helm und durch dessen Lüftungsschlitze hindurch auf den Kopf. Zugleich sind wir von oben und vorn einer permanenten Dusche ausgesetzt, so dass ein Teil der Dreckplacken auch gleich wieder abgespült wird. So gesehen kann man sich fast schon darüber freuen, dass es regnet.

Wenn man einmal auf der Strecke ist und einem nichts anderes übrig bleibt als wieder zurück zu kommen, sind diese ganzen Umstände irgendwann auch völlig egal. Dreck und Nässe - na und. Ich achte längst nicht mehr darauf, nicht dreckig und nicht nass zu werden - ich bin es eh schon!

Eigentlich eine schöne Strecke

Unsere Reststrecke betrug 60 Kilometer, und es schüttete die ganze Zeit. Trotzdem leisteten wir uns zwischendurch sogar noch den Luxus, uns zu verfahren. So viel Zeit muss sein! Sonst wären es nur 45 oder 50 KM gewesen.

Normalerweise, also bei schönem Wetter, trocken, wie man es auf Mallorca auch im Winter oft vorfindet, ist diese Strecke übrigens sehr schön zu fahren - bestens geeignet für eine erfolgreiche Grundlagen-Trainingseinheit.

Hier gibt es Informationen zu Strecke und Höhenprofil dieser eher flachen Radtour auf Mallorca.